Kunsthaus Orplid


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Anmerkungen zur Ausstellung "In erster Linie" - Kunsthaus Orplid Icking

"Das Aufbrechen der Welten der Malerei war ein Vorläufer der Freiheit, das Abwerfen der Ketten". Welimir Chlebnikow


Herrschern war die Macht der Bilder stets bewusst. Kunst konnte Propagandamittel sein, aber genauso den Keim einer Rebellion in sich tragen. Zu ihrer Entfaltung aber braucht Kunst geistige Freiheit, und diese erstreitet sie sich, indem sie den Menschen ein Tor zur Fantasie, zum Spielerischen und bislang Unvorstellbarem öffnet. Sicher, das ist ein wenig einfach gedacht. Denn Kunst kann solch eine Freiheitspforte sein, sie selbst ist aber keineswegs frei von politischen Machtkämpfen, wirtschaftlichen Zwängen und religiösen Vorschriften. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts überschlugen sich in ganz Europa die avantgardistischen Bestrebungen, die Kunst weitgehend von diesen Zwängen befreien. Althergebrachtes in der Kunst zu zerstören um Neues zu erschaffen war die Devise. Expressionismus, Kubismus, Bauhaus, Dada, Informel, Objektkunst, Environment, Postmoderne und Performance entwickelten sich innerhalb weniger Jahrzehnte überall dort, wo Künstler wussten, dass traditionelle Kunst nicht mit einer Welt Schritt halten konnte, die sich rasant veränderte. Die Werke, die heute hier in der Ausstellung "In erster Linie" zu sehen sind, sind heutige Kinder dieser künstlerischen Ahnenreihe. In den mitreissenden Bildern und Objekten von Hans Haas, Herbert Gerhardt, Gerd Jäger, Alinde, Michael von Cube und Hannes Hein zeigt die heutige Ausstellung exemplarisch die Möglichkeiten, sich heute mit der Avantgarde in postavantgardistischer Zeit auseinanderzusetzen.
Nehmen wir zum Beispiel die Werke von Herbert Gerhardt und Hans Haas: Sie erinnern an die aufrührerische Kunstrichtung des Dada, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts ihre Aussage auf Zufall, der Beliebigkeit der Materialien und Unerwartetes als Quelle für kreative Experimente gründete. Und trotzdem findet man bei Haas und Gerhardt Ästhetik im Sinne einer Balance von Harmonie und Spannung, oft aber auch widerspenstige Brüche und Wendungen, die einen zur Auseinandersetzung zwingen. Beide Künstler reissen manches nur an, probieren aus, reisen weiter, aber lassen niemanden ohne eine Meinung zurück. Denn aus diesem Nebeneinander von Motiven, die ursprünglich nicht zusammengehören und vielleicht auch keinen offensichtlichen Sinn ergeben, verwirklicht sich stets sich eine Gedankenbewegung oder eine Idee, die einen eigenen poetischen oder kritischen Wert enthält. Bei Haas aber geht es noch weiter: Er fertigt Collagen, Objekte und Installationen, und in diese montiert er Fundstücke des Alltags: Objekte von bizarrem, sinnlichem Reiz aus Abfallstoffen und losem Sammelsurium. Die Grenzen zwischen Malerei und Plastik sind hier ebenso getilgt wie die zwischen Kunst und Wirklichkeit. Wenn sich zwei Aluminiumpferde auf Neonröhren küssen, aus Schaufeln und Klebeband eine dreibeinige Kröte entsteht und sich zermalte Model-Bilder auf dem Hexenmobil drehen, verbirgt sich hinter oberflächlicher Sinnlosigkeit eine hintergründige Sinngebung. Haas´ Kunst folgt zudem oft der Idee, dass man dem realen Wahnsinn des täglichen Lebens am effektivsten mit kreativem Wahnsinn begegnet. Hierfür steht beispielsweise der Aufruf "Stoppt die sinnlosen Kunsttierversuche!" - Haben Sie schon den Plüschhamster rund ums Papier laufen lassen? Nur zu.
Gerd Jäger ist Meister des Materials und der künstlerischen, expressiven Ausdruckskraft. Die Durchdringung von revolutionären Bewusstsein, handwerklicher Kreativität und unnachgiebiger, schöpferischer Suche kulminiert bei Jägers übermalten Postkarten in einer faszinierenden Bildsprache von meditativer Stille bis zu eruptiver Intensität. Wie auch die Expressionisten nimmt sich Jäger hier auf eine stark reduzierte, fast archaisch anmutende Sprache zurück und entwickelt eine fesselnde Spannung zwischen den farbigen Komponenten, bis für den Betrachter etwas vielschichtig Intuitives oder Nachempfindbares daraus wird.
Mit untrüglichem Gespür für Raum und Spannung arbeitet Jäger auch bei seinen Holzskulpturen. Hier folgt er besonders der naturgegebenen Struktur des Materials. Das heißt aber nicht, dass sie keinen Inhalt mehr haben. Im Gegenteil: Die Formen geben dem Betrachter eine größere Interpretationsebene. Dann kommt man mit einer oberflächlichen Betrachtungsweise nicht mehr weiter, sondern muss sich auch mit dem beschäftigen, was man in der Kraft und Urtümlichkeit des Baumes, des Titels oder in der Formenwirkung sieht.
Bewusstseinserweiterung, auf LKW-Planen verabreicht, so könnte man die neuen Werke von Alinde zusammenfassen. Bekanntes wirkt fremd, befremdliches angenehm vertraut, Eindeutiges zerspringen in tausend Teile und setzen sich neu zusammen. Mit Stift und Pinsel fördert Alinde auf Fotos und neuerdings großformatigen PVC-Planen wahre Fantasmagorien zutage. Rostige Container werden so zu Bedeutungsträger für Satyrn, Asen, Wanen, Furien und allerlei andere eigentümliche Wesen. Es gelingt ihr auf faszinierende Weise, Bildwelten sichtbar zu machen, die voller Dynamik ist, ja zuweilen rauschhaft, immer aber von irisierender Wirkung sind.
De- und Rekonstruktion, in dieser Tradition steht die Schönheitengalerie König Ludwig I. von Bayern, die von Michael von Cube und Hannes Hein "überarbeitet" wurde. Gipfelte bei den Dadaisten die künstlerische Methode des Kubismus, den menschlichen Körper nicht mehr wohlgestaltet abzubilden, sondern als deformiertes, zerstückeltes Gebilde, werden heute Cubes und Heins Collagen zum Podium für Spott, Ironie und clownesken Ulk. Immer hat die klischeebeladene Schönheit Brüche: Traditionelles wird kombiniert mit Bild- oder Stilzitate aus der europäischen Kunstgeschichte oder mit Verweis auf unseren Alltag. Diverse Inhalte prallen in den Werken aufeinander und verschmelzen. Ihre Arbeiten zeichnen sich so durch einen geradezu transkulturellen Umgang mit Bildmotiven aus, durch ein satirisches, manchmal auch chauvinistisches, vor allem aber skurriles Kaleidoskop betrachtet.
Doch auch wenn hier weniger provoziert denn amüsiert wird, es bleibt die Fantasie und das Lachen, und das waren schließlich schon anarchistische Werkzeuge des Dada.
Unterm Strich ist den heutigen Arbeiten eines gemein: Sie zeugen von der Fortsetzung eruptiver Ausbrüche gegen eine Welt, die in verhärteten Verhaltensmustern erstarrt liegt, hin zur Freiheit des Geistes. Noch immer mag die Frage nach der Schönheit zwar ein zwielichtiger Begleiter sein. Doch Schönheit ist kein biologisches Idealbild mehr und auch kein lustvolles Augenfutter, sondern ein Spiel von Blicken und Gedanken, mit Reibungen und Spannungen. Den Künstlern der Avantgarde und des 20. Jahrhunderts gelang es, die Menschen aufzurütteln, statt sie mit schönheitsseligen Werken zu beduseln. Die Werke heute und hier zeigen den langen Lebensatem ihrer Vorreiterrolle und setzen sie mit anderen Mitteln fort. Ohne Kunst kann eine Gesellschaft zwar funktionieren. Lebendig aber wird sie erst mit ihr. Wie lebendig, das zeigt die heutige Ausstellung - in erster Linie.

© Jóhanna Sigurðardóttir M.A.